Sunday, September 2, 2012

Wolfgang Herrndorf: Tschick


Es ist Sommer. Ferienzeit. Außenseiter Nr. 1 begegnet Außenseiter Nr. 2. Ersterer heißt Maik Klingenberg, kommt aus einer dysfunktionalen Berliner Familie (Mutter Alkoholikerin, der Vater hat sich verspekuliert) und ist schwer verliebt, schwer frustriert und mindestens genauso gelangweilt. Und außerdem der Ich-Erzähler. Ein scheinbar durchschnittlicher Typ. Unauffällig: „Ich hatte nie einen Spitznamen. Ich meine, an der Schule. Aber auch sonst nicht. […] Wenn man keinen Spitznamen hat, kann das zwei Gründe haben. Entweder man ist wahnsinnig langweilig und kriegt deshalb keine Freunde, oder man hat keine Freunde. […] Es gibt aber auch noch eine dritte Möglichkeit. Es kann sein, dass man langweilig ist und keine Freunde hat. Und ich fürchte das ist mein Problem.“

Der zweite Außenseiter heißt Andrej Tschichatschow. Kurz: Tschick. Er ist Maiks neuer Mitschüler mit russischem Migrationshintergrund. Und diesem zunächst alles andere als sympathisch. Doch als die beiden anscheinend die einzigen sind, die nicht zur großen Party zum Ferienbeginn eingeladen sind, stiehlt Tschick kurzerhand ein altes Auto und nimmt Maik mit auf eine Reise quer durch Deutschland, ohne Ziel, ohne Karte, ohne nachzudenken.

Von hier an entwickelt sich das Buch wie ein Road Movie. Die beiden liefern sich Verfolgungsjagden mit der Polizei und begegnen allen möglichen schrägen Persönlichkeiten. Scheinbar lose werden Episoden an Episoden gehängt, doch in Wahrheit entsteht ein mitreißender Erzählfluss, ohne Umwege aber mit viel Sprachgeschick. Zwischen den Zeilen werden viele große Themen angeschnitten. Die Alkoholsucht der Mutter. Die finanzielle Pleite des Vaters. Vorurteile gegen Ausländer. Sexualität und Homosexualität. Freundschaft. Und die Suche nach dem Ich. Aber keines dieser Themen wird überstrapaziert, keines in den Mittelpunkt gerückt. Sie sind alle da. Zur gleichen Zeit. Nebeneinander. Und ergeben ein stimmiges Ganzes.

Die Stimme des jugendlichen Erzählers ist zuweilen derb, aber ohne aufgesetzt zu wirken. Die Episoden sind unterhaltsam und witzig erzählt. Der Text schafft es, auf den über 250 Seiten nie pathetisch zu werden. Fast beiläufig wird Spannung aufgebaut. Mit großer Leichtigkeit ist es dem Autor gelungen, den Moment des Dazwischens einzufangen. Den Übergang zwischen Kind- und Erwachsenendasein in mehrere eindrucksvolle Bilder zu verpackend. Passend dazu ist die Sprache im Text auch irgendwo dazwischen und kann so Leser aus unterschiedlichen Altersgruppen ansprechen.

Alle diese Qualitäten machen „Tschick“ zu einem ganz besonderen Buch. Wolfgang Herrndorf schickt seine beiden Protagonisten auf eine wundersame Reise durch die deutsche Pampa und die Leser können es sich auf der Rückbank bequem machen, die Fahrt ins Ungewisse miterleben. Manchmal wahnwitzig komisch, dann aber auch wieder sehr berührend. Insgesamt ein sehr schönes Buch, das ich sicher nicht zum letzten Mal gelesen haben werde. (MP)


No comments:

Post a Comment